11.12.2020

Knuts Logbuch | Corona in den USA - Eine angeschlagene Gesellschaft

2020 wird in die Geschichte als Jahr des Schreckens und doch auch als Jahr der Veränderung eingehen.

„My message to everyone struggling right now is this: Help is on the way.“

-Der designierte Präsident Joe Biden

 

Das Jahr 2020 hat längst einen festen Platz in den Geschichtsbüchern der USA, eine aus den Rudern gelaufene Pandemie, der Aufschrei einer jungen Bürgerrechtsbewegung und eine historische Präsidentschaftswahl.

Das Jahr 2020 geht aber auch mit der Hoffnung zu Ende, dass der neue Kapitän im Weißen Haus, das Schiff endlich in ruhigere Gewässer fahren wird, die sich rasant ausbreitende Pandemie ernst nimmt und die Klassengesellschaft aufrüttelt.

Die Covid-19 Gesundheitskrise belastet viele Amerikanerinnen und Amerikaner nicht nur gesundheitlich, sondern auch durch die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen. Das lange Zeit gewohnte Gefühl „sicher“ zu sein, ist nicht mehr gegeben.

Viele Bürgerinnen und Bürger fühlen sich in ihrer physischen Unversehrtheit bedroht und fürchten um ihre ökonomische Existenz. Bei einem Sechstel der Bevölkerung herrscht Unsicherheit genügend Lebensmittel für die Familie oder sich selber zu haben.

Die Covid-19 Krise hat die sozialen und wirtschaftlichen Unterschiede, die Ungerechtigkeit innerhalb der Gesellschaft und die gravierenden Probleme des Gesundheitssystems aufgedeckt.

Das Jahr 2020 geht zu Ende, das Land aber steht vor einem Neuanfang, denn ein weiter so, wird es mit Joe Biden nicht geben.

 

I: Ankerloses Gesundheitssystem

Schonunglos hat die Corona-Pandemie die Mängel des US-amerikanischen Gesundheitssystems entblößt. 15 Millionen Menschen haben sich mit dem Coronavirus infiziert. 280.000 Menschen mussten in diesem Land sterben. Über 400.000 sollen es bis Februar sein. Es gibt keinen Landstrich, der nicht dunkelrot betroffen ist.

Am Ende der Krise werden die USA im Vergleich zu den anderen Industriestaaten sehr wahrscheinlich die meisten Opfer zu beklagen haben, und zwar sowohl in absoluten Zahlen als auch im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung.

Das US-Gesundheitssystem war denkbar schlecht auf eine Pandemie vorbereitet. Schon vor der Krise hatten mehr als 70 Millionen Amerikaner keine oder nur eine sehr schlechte Krankenversicherung. Wenn sie krank wurden und tatsächlich Hilfe suchten, geht das in den USA oft nur per Notaufnahmen. Dazu der lange anhaltende Mangel an Tests beschleunigte die Infektionsraten massiv.

Die Pandemie zeigte auch eine sehr starke gesellschaftliche Wissenschaftsskepsis auf.

 

II: Gesellschaft der Klassen

Es ist ein grausiger Kreislauf, denn wer noch Arbeit hatte, wollte sie nicht verlieren und ging oft trotz Symptomen zur Arbeit, Kranken und Urlaubstage waren schnell aufgebraucht. Nur wenige Bundesstaaten zahlten überhaupt Krankengeld. Wollte man sich und die Familie über Wasser halten, musste man arbeiten.

Dazu kommt, dass das Virus und seine Folgen nicht alle gleich traf. Die Spaltung der US-Gesellschaft anhand der Hautfarbe wurde durch COVID deutlich: Die Pandemie traf überproportional nicht weiße Amerikaner. Ethnische Zugehörigkeit ist eine Art erhöhtes Risiko, denn sie korreliert mit anderen Rahmenbedingungen (Vorerkrankungen, Wohnsituation, Arbeitsplatz, Mobilität), die sich auf die Gesundheit auswirken, wie der sozioökonomische Status, der Zugang zu medizinischer Versorgung und die berufsbedingte Gefahr, sich zu infizieren, wie sie gerade bei essentiellen Arbeitnehmer_innen gegeben ist.

Im Vergleich zu weißen Amerikaner_innen haben Afroamerikaner_innen laut CDC 1,4 mal so hohe Infektionszahlen, fast viermal so viele Krankenhausaufenthalte und beinahe drei Mal höhere Todesraten. Auch für Amerikaner lateinamerikansicher Herkunft sind die sind Daten schlechter als für Weiße: Sie haben fast doppelt so hohe Infektionszahlen, mehr als viermal mehr Krankenhausaufenthalte und fast drei Mal so hohe Sterblichkeitsraten.

Angesichts der disproportionalen Auswirkungen der Pandemie auf Minderheiten, ist es nicht erstaunlich, dass sich die Proteste gegen Polizeigewalt und strukturellen Rassismus nach dem Mord an George Floyd Ende Mai sukzessive auf das ganze Land ausbreiteten.

Die Corona-Pandemie hat die sozialen Proteste wie Black Lives Matter nicht verursacht, aber als Katalysator fungiert. Die eklatanten Unterschiede zwischen den Bevölkerungsgruppen sind eben nicht nur wirtschaftlicher und sozialer Natur. Die Krise hat den Zusammenhang zwischen Rassismus, gesellschaftlicher Stellung und Überleben auf eine andere Ebene gehoben, die schwerer zu ignorieren ist.

 

III: Wirtschaft aus dem Lot

Auch die durch die Pandemie entstandene Wirtschaftskrise wurde bisher nicht nachhaltig bekämpft. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft so weit auseinander, dass die hohen wirtschaftlichen Folgen der Pandemie besonders Geringverdiener und Minderheiten trifft. Und während der Aktienmarkt boomt und Apps von Essenslieferanten milliardendotiert an die Börse ziehen, bleiben mittelständische Unternehmen (wie Restaurants und Shops) auf der Strecke.

Das ist keine „normale“ Rezession, nein, sie wirkt in alle Lebensbereiche hinein, betrifft überdurchschnittlich ethnische Minderheiten (Afroamerikaner und Latinos) und Frauen – ausgelöst durch Schließungen und Maßnahmen wie sozialer Distanzierung, wie z.B. Jobs in Supermärkten, öffentlichem Transport sowie Hotel- und Gaststättengewerbe. Neun der zehn am stärksten von der Coronavirus-Rezession betroffenen Branchen sind Dienstleistungen, in denen wiederum vorwiegend Minderheiten und Frauen beschäftigt waren.

Zudem fiel ein Großteil der Last für Kinderbetreuung und Versorgung bei der Schließung von Schulen und Betreuungseinrichtungen auf Frauen. Viele Frauen fanden sich in einer Lebenssituation wieder, die ihnen die Rückkehr zur bezahlten Erwerbsarbeit unmöglich machte und immer noch macht.

Die Zahlen zum Jahresende sprechen eine klare Sprache der Rezession und der Not:  Der US-Arbeitsmarkt ist unter großem Druck. Zwar konnten 10 Millionen der am Anfang der Pandemie verlorenen 22 Millionen Jobs wieder besetzt werden, aber damit fehlen noch immer 10 Millionen Jobs, also mehr als zum Höhepunkt der Finanzkrise 2008/2009. In den meisten Bundesstaaten bekommt ein Arbeitsloser nur 26 Wochen lang Arbeitslosengeld und die Hilfs- und Konjunkturprogramme, die der Kongress im Frühsommer beschlossen hatte, sind ausgelaufen.

Zugang zu Wohnraum bleibt ein wichtiger Indikator ökonomischer und gesellschaftlicher Veränderungen. Letztendlich wurden die eigenen vier Wände zum wichtigsten Ort im Leben der meisten Amerikaner_innen während der Pandemie. Beengte und übervolle Stadtviertel helfen da wenig. Wer es sich leisten konnte, kaufte bei anhaltend niedrigen Zinsen ein Haus im Grünen -  was die um sechs Prozent gestiegenen Hauspreise belegen. Anderen droht durch Mietschulden der Rauswurf. Ende des Jahres laufen die meisten Moratorien für Zwangsräumungen aus. Unglaubliche sieben Mio. Haushalte könnten bis Ende des Jahres die Wohnung verlieren.

Der Regierungswechsel kommt in diesem Land zu einer Zeit, so wichtig wie kaum zuvor. Mit Joe Biden wird Amerika wieder für Fortschritt stehen und sich der sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Zukunft widmen. Gute Regierungsführung und kluge Wirtschaftsentscheidungen werden das bizarre tribalistische Führen durch Ausgrenzung, Vetternwirtschaft und Korruption ersetzen.

 

IV: Politik in Seenot

Die Finanzierung für gesundheitliche Katastrophenbereitschaft wurde in den letzten 20 Jahren massiv unterfinanziert. Jetzt brachen dazu die Steuerinnahmen ein und die Haushaltslöcher der Bundesstaaten wuchsen, Entlassungen folgten.

Hinzu kommt das komplette Versagen der Trump-Regierung, die geleitet von Populismus und schierer Inkompetenz mit der Krise völlig überfordert war. Das Weiße Haus nahm die Pandemie zu keinem Zeitpunkt (seit Januar) ernst. Sie wurde weggeredet, Fakten wurden ignoriert, unseriöse Behandlungsmethoden wurden propagiert und am Ende war nur noch Trumps mediale Selbstinszenierungen wichtig. Da spielte das Wohl der Bevölkerung keine Rolle. Trump widersprach nicht nur dem Tragen von Masken -bis heute- nein, er widersprach den einfachsten Hygieneregeln.

Unklare Zuständigkeiten, fehlende Koordinierung der Staaten und lokaler Behörden, Entscheidungsunfähigkeit, Verkennen der Realität, Nepotismus und sich oft widersprechende Politikansätze ließen die Pandemie außer Kontrolle geraten.

Das Virus traf auf eine polarisierte Gesellschaft und auf eine bestehende Skepsis vieler US-Amerikaner - vor allem aber von Republikanern und Trump-Anhängern - gegenüber Wissenschaft und Experten. Zudem mischte sich lautstark eine teilweise ignorante Bildungsferne zu einer fatalen politischen Symbiose mit Hang zu Verschwörungstheorien aller Art.

Joe Biden übernimmt hier eine Politik in schwerer Seenot. Ja, Joe Biden hat gewonnen, eine Politikwende ist in Sicht. Und dennoch ist von Aufbruchsstimmung keine Spur. Die Demokraten wissen um die monumentalen Aufgaben, der sich die neue Regierung um Joe Biden stellen muss. Die USA sind angeschlagen, ihre Führungsansprüche kaum wahrnehmbar, die internationalen Freunde und Partner verprellt. Joe Biden muss das Land nicht nur einen, er muss es im wahrsten Sinne des Wortes retten. Doch er ist bereit und rief seinen Landsleuten zu:

„Wir können das schaffen, wir müssen das schaffen, zusammen werden wir es schaffen!“

„We can do this. We must do this, and we will do it together.”

Bis zur Amtseinführung von Joe Biden und seiner Regierung am 20. Januar 2021 werden noch Wochen vergehen. Den USA steht ein schwerer Winter bevor. Joe Biden und Kamala Harris werden ab dem ersten Tag im Amt daran gemessen werden, wie sie die Pandemie zurückdrängen und die gespaltene Gesellschaft einen. Die Biden-Administration hat die Aufgabe, die richtigen Lehren aus der Coronakrise zu ziehen. Sie hat aber auch die seltene Chance, entscheidende Weichen zu stellen und die strukturellen Veränderungen des Landes mit zu gestalten, die die Krise aufgezeigt und beschleunigt hat.

Natürlich gibt es bereits ambitionierte Pläne der zukünftigen Regierung:

  • Wiederherstellung von Vertrauen in Expertise und Regierungshandeln – auch entscheidend, wenn es bald darum geht, die Bürgerinnen und Bürger von der Notwendigkeit einer Impfung zu überzeugen.
  • Umfassende Investitionen und Programme in Gesundheit und Wirtschaft.

Diese ersten Reformen können eine Transformation für nachhaltige, klimaneutrale Politik einleiten, die auch international gefragt ist. Es könnte das große Verdienst Joe Bidens sein, die Krise als Chance für Amerika zu nutzen – national und international.

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