30.08.2013

The Wait on Washington

Es war der 50. Jahrestag des „March on Washington“, des Protestmarsches für „Jobs und Freiheit“, der im August 1963 in der brillanten und historischen Rede Martin Luther Kings am Lincoln Memorial seinen Höhepunkt fand. Dem Aufruf, den Jahrestag zu feiern, waren trotz eines regulären Arbeitstages auch fünfzig Jahre später Tausende gefolgt – Veteranen, die bereits damals dabei waren, begleitet von Young Leaders der Alabama State University, junge und alte Menschen, Familien mit Kindern, Schulklassen und Studierende, Schwarze, Weiße, Latinos und Asiaten.

Es war ein bunter Zug, der sich an der Georgetown University Law School morgens versammelte und von dort Richtung National Mall, dem Herzen der US-Hauptstadt zog, vorbei an Gewerkschaftshäusern und Ministerien, Museen und Geschäften. Noch bevor es los ging, machte ein junger weißer Mann seiner schwarzen Freundin vor den Versammelten einen Heiratsantrag. Unter Beifall sagte sie „Ja“ und es war ein bewegendes Zeichen für den Fortschritt, den die amerikanische Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten gemacht hat. Viele hatten ihre Arbeit während des Marsches unterbrochen und schauten neugierig auf die Vorbeiziehenden. Manche riefen zustimmende Worte oder hielten Transparente hoch, wie „Wir stellen für Amerika und den amerikanischen Traum zu“ – ein Plakat der Postgewerkschafter. Die Stimmung der Protestierenden war trotz regnerischen Wetters gut. Einige skandierten „no justice, no peace“ und andere bekannte Parolen, wieder andere sangen gemeinsam Gospelstücke oder Freiheitslieder wie „We shall overcome“. Der Marsch dauerte gut zwei Stunden, bis der Zug schließlich am Washington Memorial ankam und dort auf Hunderte Menschen traf, die sich ebenfalls zur Mall aufgemacht hatten. Es war sicher Zufall, dass die Menge in den nächsten drei Stunden auf eine harte Geduldsprobe gestellt wurde, aber die Situation hätte nicht passender sein können.

Um zum Lincoln Memorial, dem eigentlichen Ort der Gedenkfeier zu kommen, hatten die Organisatoren einen einzigen Checkpoint aufgebaut, durch den jeder hindurch musste: elf Metalldetektoren für tausende Menschen. Die Anwesenheit von drei US-Präsidenten, Abgeordneten und Angehörigen der Familie Martin Luther Kings machten die Sicherheitsprozedur notwendig, aber anscheinend hatte niemand mit so vielen Interessierten gerechnet.

Während wir geduldig in Regenschauern ausharrten und uns Schritt für Schritt dem Checkpoint näherten, wurde ich den Gedanken nicht los, dass jeder hier noch einmal einen kleinen Eindruck von den Erfahrungen der Afroamerikaner in den vergangenen Jahrzehnten bekommen konnte: von der Langwierigkeit des Fortschritts und von der Geduld und Ausdauer, die man aufbringen muss, um zum ersehnten Ziel zu kommen.

Auch wenn mit Blick auf Bürger- und Wahlrechte und die Beseitigung gesetzlicher Diskriminierung viel erreicht wurde und, wie Präsident Obama später in seiner Rede anmerkte, „es einer Entehrung derjenigen gleichkäme, die damals den Mut und die Opfer aufbrachten, wenn wir heute den immensen Fortschritt von der Hand wiesen“, so ist es dennoch ein langer Weg zu einer Gesellschaft, in der alle die gleichen wirtschaftlichen und sozialen Aufstiegsmöglichkeiten haben. Obama brachte es auf den Punkt, als er sagte: „The arc of the moral universe may bend towards justice, but it doesn’t bend on its own.“

Wie viel noch zu tun ist, machen Statistiken und Studien erschreckend deutlich: Laut einer Studie des Economic Policy Institute (EPI) waren 1963 fünf Prozent der weißen Amerikaner arbeitslos, bei den Afroamerikanern waren es mehr als zehn Prozent. Heute liegt die Rate bei Afroamerikanern immer noch fast doppelt so hoch (12,6%) wie bei Weißen (6,6%). Ähnliche Disparitäten gibt es beim Vermögen. Hatten weiße Familien vor fünfzig Jahren fünf Mal so viel Vermögen wie ihre afroamerikanischen Zeitgenossen, so haben sie heute das sechseinhalbfache (laut Berechnungen des Urban Institute). Die Kaiser Family Foundation hat nachgewiesen, dass 21 Prozent der Afroamerikaner keine Krankenversicherung haben, während es bei Weißen nur 13 Prozent sind. Und auch der vielleicht wichtigste Gradmesser für Erfolg in den USA, soziale Mobilität, weist heute immer noch große Unterschiede auf: Mehr als die Hälfte afroamerikanischer Erwachsener, die als Kinder in Armut aufgewachsen sind (Einkommen der untersten 20 Prozent), steigen nicht in eine höhere Einkommensgruppe auf. Bei den Weißen sind es nur ein Drittel, die den Sprung in ein höheres Einkommen nicht schaffen (Studie der Pew Charitable Trusts).

Dass dieses zweite Ziel des Marsches vor 50 Jahren – Arbeit und wirtschaftliche Aufstiegsmöglichkeiten für ALLE Amerikaner – ein Traum ist, der bisher unerfüllt blieb, ist auch dem ersten afroamerikanischen US-Präsidenten bewusst: „For what does it profit a man“, zitierte Obama Dr. King, „to sit at an integrated lunch counter if he can’t afford the meal?“ Er bot in seiner Rede dann aber weniger konkrete Politikinitiativen an, sondern sprach vom gemeinsamen Geist und dem Mut jedes einzelnen Amerikaners für gute Arbeit und gerechte Löhne zu sorgen, für ein Recht auf Krankenversicherung und Bildung und für den Kampf gegen Armut. Die Lehre aus der Vergangenheit und das Versprechen für die Zukunft sei, so Obama am Ende seiner Rede, „that in the face of impossible odds, people who love their country can change it.“

Die Anliegen Martin Luther Kings, seiner MitstreiterInnen und Erben sind heute so aktuell wie damals.

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